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Lieselotte Winnacker-Spitzl
Kindheit
Lieselotte Winnacker-Spitzl wurde am 12.11.1938 als ältestes von vier Geschwistern in Wuppertal geboren. Die Eltern Ernst und Luise Winnacker betrieben eine Bäckerei, doch der Krieg veränderte das gemeinsame Leben grundlegend. Als der Vater 1942 eingezogen wurde, stand die Mutter mit drei kleinen Kindern und der Verantwortung für die Familie allein da. Das Geschäft wurde geschlossen und die Familie zog zur Evakuierung nach Bayern.
Dort wurde die „Bombenfrau“ jedoch nicht willkommen geheißen. Mit Hilfe von Freunden fand sie schließlich in einem hessischen Dorf Zuflucht. Trotz Entbehrung, Unsicherheit und Not meisterte ihre Mutter den schwierigen Alltag mit bemerkenswerter Stärke und schützte ihre Kinder vor den Folgen des Krieges. Große Freiheit im dörflichen Leben und familiäre Geborgenheit prägten die kleine Lieselotte nachhaltig. Die Geschwister Lilo, Ernst-Otto und Ulrike hielten fest zusammen und wurden in diesen schwierigen Jahren zu engen Vertrauten.
Als der Vater 1945 nach kurzer Gefangenschaft aus dem Krieg zurückkehrte, begann die ganze Familie zusammen mit vielen Freunden und Bekannten mit dem sofortigen Wiederaufbau des teilzerstörten Hauses. Durch großen Einsatz, Durchhaltevermögen und Hinwegsetzen über behördliche Anweisungen gelang es, die Bäckerei bereits zu Weihnachten 1945 unter einfachsten Bedingungen wieder zu eröffnen. Lieselotte Winnacker-Spitzl erinnert sich intensiv an diese Zeit: schon als Kind hatte sie zusammen mit den Geschwistern feste Aufgaben, die mit zunehmendem Alter immer umfangreicher wurden. Sie suchte und säuberte Steine aus dem Bauschutt, später lieferte sie Waren aus, half im Laden und kehrte jeden Samstag den Bürgersteig. Gleichzeitig genossen die Geschwister aber auch eine große Freiheit, Geborgenheit und das Vertrauen ihrer Eltern. Zwischen den Ruinen verbrachten sie viele Stunden und machten die zerstörte Umgebung zu ihrem Abenteuerspielplatz. Der unbedingte Wille zum Wiederaufbau, der starke Zusammenhalt der Menschen und der Einfallsreichtum ihrer Eltern prägten ihre Persönlichkeit nachhaltig.
„Lasst Euch etwas einfallen“, ist seither einer ihrer Leitsätze.
1946 wurde ihre jüngste Schwester Edith geboren. Die vier Winnacker-Geschwister blieben zeitlebens in tiefer und enger Verbundenheit miteinander verbunden.
Ausbildung und Werdegang
Nach der Grundschule Grotenbeck besuchte Lieselotte Winnacker-Spitzl die Frauenoberschule in Vohwinkel und absolvierte 1957 ihr Abitur. Im Anschluss begann sie ihr dreijähriges Lehramtsstudium mit dem Schwerpunkt Sport an der Pädagogischen Akademie, ab 1962 Pädagogische Hochschule, auf der Hardt.
Im Alter von nur 25 Jahren übernahm sie ihre 1. Klasse an der Volksschule Kreuzstraße – mit 45 Schülerinnen und Schülern. Hier erlebt sie aus nächster Nähe die Herausforderungen sozial benachteiligter Kinder – eine Erfahrung, die ihren Blick auf Bildung, Chancengerechtigkeit und ihre spätere pädagogische Arbeit nachhaltig beeindruckte.
1967 folgte die Heirat nach Jahren, die geprägt waren von großer Reiselust, Abenteuerfreude und dem Wunsch, die Welt und ihre Menschen zu entdecken. Mit der Geburt ihrer drei Kinder, Kerstin, Ulf und Kai begann ein neuer Lebensabschnitt. Die Familie und der Beruf als Lehrerin standen nun im Mittelpunkt ihres Lebens.
„Bildung ist Grundpfeiler einer demokratischen, erfolgreichen und gesunden Gesellschaft“
Seit 1963 war Lieselotte Winnacker-Spitzl im Regelschuldienst, als Lehrerin für Grund- und Hauptschulen tätig, bevor sie 1991 aus eigenem Entschluss an eine Sonderschule für Erziehungshilfe wechselte. Mit diesem Schritt begann für sie eine neue berufliche Phase an einer Schule in einem damaligen sozialen Brennpunkt, dem „Ölberg“. Im schulischen Alltag erkannte sie sofort, dass viele Kinder aufgrund ihrer sozialen oder schulischen Benachteiligungen aus dem Regelschulsystem ausgegrenzt wurden und nicht die versprochene Förderung erhielten, die ihren individuellen Bedürfnissen entsprach. Diese Erfahrung prägte ihr Verständnis von Chancengerechtigkeit und Bildung: bestärkte sie in ihrem Willen, für diese Kinder aktiv neue Wege der Förderung und Teilhabe zu schaffen.
„Lass Dir etwas einfallen!“
1995 gründete Lieselotte Winnacker-Spitzl – ehrenamtlich neben voller beruflicher Tätigkeit -das Kinderhaus Luise Winnacker e.V., auch unter dem Namen „Unternehmen Zündfunke“ bekannt. Dies geschah zusammen mit sieben Lehramtsstudierenden, die mit ihr ein neuartiges Konzept entwickelten. Für diese außerschulische Förderung benachteiligter Kinder und Jugendlicher stellte ihr Bruder Ernst Otto Winnacker zunächst mietfrei ein ideal gelegenes Haus mit großem Gelände zur Verfügung, das er in der Rutenbeck nahe der Wupper erworben hatte.
„Unserem Konzept liegt als Grundhaltung die Wertschätzung aller Kinder und ihrer vielfältigen Potentiale zugrunde“
1997 wurde sie aufgrund der wachsenden Anforderungen als Leiterin des Projekts vom Schuldienst freigestellt und konnte sich fortan ganz dem Aufbau und der Weiterentwicklung des Kinderhauses widmen. Gemeinsam mit Studierenden und Mitarbeitenden entwickelte sie dort ein innovatives und ganzheitliches sozialpädagogisches Konzept: Klassen aus Wuppertaler Kooperationsschulen besuchen für ein Schuljahr einmal wöchentlich das Kinderhaus und werden dort gemeinsam mit ihren Lehrkräften von Lehramtsstudierenden betreut. Viele naturnahe Projekte und die aktive Mitgestaltung stärken Selbstvertrauen, Eigenverantwortung und Gemeinschaftssinn, in deren Folge auch Leistungen im schulischen Kontext wachsen.
Einen zweiten Schwerpunkt des Kinderhauses bildet das von Frau Winnacker-Spitzl entwickelte „Teacher Training“, das Lehramtsstudierenden wertvolle Praxiserfahrungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf ermöglicht. Das Projekt verbindet Theorie und Praxis auf beispielhafte Weise und fördert zugleich die persönliche Entwicklung der betreuten Kinder.
Bereits vor der Gründung des Kinderhauses gelang es Lieselotte Winnacker-Spitzl, die Bergische Universität für ein besonderes Sportprojekt zu gewinnen. Seitdem steht die Unisporthalle einmal wöchentlich für größere Gruppen zur Verfügung: Lehramtsstudierende erhalten dort bis heute die Möglichkeit, selbstständig Sportunterricht zu gestalten und wertvolle praxisnahe Erfahrungen im sportpädagogischen Umgang mit herausfordernden Kindern und Jugendlichen zu sammeln. Das Projekt „Potenziale in Bewegung“ fördert seit 1993 benachteiligte Kinder und Jugendliche. Im Mittelpunkt steht die Freude an Bewegung, die Stärkung des Selbstvertrauens und die Entfaltung individueller Potenziale.
„Diese Kinder brauchen eine starke Lobby“
Seit Jahrzehnten setzt sich Lieselotte Winnacker-Spitzl mit großem persönlichem Engagement dafür ein, benachteiligten Kindern und Jugendlichen neue Chancen zu eröffnen und Ausgrenzung durch Teilhabe, Wertschätzung und individuelle Förderung zu überwinden.
Für ihren unermüdlichen Einsatz wurde sie vielfach ausgezeichnet. Zu ihren bedeutendsten Ehrungen zählen der WDR-Kinderrechtepreis 2010 und der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen 2016.
„Lokal handeln – global denken“ war stets auch ein Grundsatz ihres Handelns. Über viele Jahre organisierte sie internationale Frauentreffen und förderte den Austausch über kulturelle und nationale Grenzen hinweg. Auch ihre außergewöhnliche Gastfreundschaft machte ihr Zuhause zu einem Ort der Begegnung.
„Handeln statt Beklagen!“
Ihr Lebenswerk ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was persönlicher Einsatz bewirken kann, und strahlt über Generationen hinweg: ihre Tochter Kerstin Spitzl trägt als langjährige Geschäftsführerin Verantwortung für die Einrichtung und führt die Vision ihrer Mutter sowie deren Einsatz für benachteiligte Kinder und Jugendliche mit Engagement und Erfolg fort.
Bildergalerie (bitte anklicken):
Text: Anja Käppner-Herzog (Stand: 21.08.2026)
Verortung: Kinderhaus Luise Winnacker e.V., Rutenbecker Weg 159, 42329 Wuppertal
Quellen:
Publikationen
https://kinderhaus-luise-winnacker.de/startseite/publikationen/ (Stand: 18.09.2026)
https://kinderhaus-luise-winnacker.de/startseite/presse/ (Stand: 18.09.2026)
Fachpublikationen:
Herausgeber: Unternehmen Zündfunke im Kinderhaus Luise Winnacker e.V.
- Schatzsuche im Abseits: Das innovative und erfolgreiche Konzept des Kinderhauses, 2018 auf Website-Publikation s.o.
- Stimmen aus dem Abseits Texte und Zeichnungen von Kindern und Jugendlichen, 2008
- Stellas Tagebuch – aus dem Leben einer Jugendlichen Texte und Zeichnungen, 2006
Bilderbücher für Eltern
Autorin: Lieselotte Winnacker Spitzl – herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Kinderhaus Luise Winnacker e.V.
- Band 1: Für mich ist alles neu
- Band 2: Ich helfe mit
- Band 3: Ich will hoch hinaus
- Band 4: Entdeckungsreisen
Diplom-, Bachelor-, Master- und Hausarbeiten
Wissenschaftliche Arbeiten über das Kinderhaus und seine pädagogische Praxis
Presse:
Exemplarisch (WZ Wuppertal) aus zahlreichen Pressebeiträgen
- 16.12.2015 – Wir geben benachteiligten Kindern eine Chance WZ
Autorin: Lieselotte Winnacker-Spitzl - 11.2016 – Für das Beste in Nordrhein Westfalen, Verdienstorden
Ohne AutorIn/en Benennung WZ - 28.12.2016 – Leistungen, die Pisa nicht misst WZ
Autorin: Lieselotte Winnacker-Spitzl - 10.07.2020 – Bücher, die helfen, die Welt zu begreifen WZ
Autorin: Bernadette Brutscheid - 24.11.2022 – Das ist Benachteiligung der Benachteiligten WZ
- 09.12.2025 – Vom Glück der Begegnung / Adventskalender WZ
Autorin: Katharina Rüth - 19.12.2025 – Zündfunke seit 30 Jahren: fürs Leben lernen WZ
Autorin: Katharina Rüth

































