Ruth Meyer-Kahrweg, ca. 2012
Foto: © Privatbesitz. Mit freundlicher Genehmigung der Tochter
Ruth Meyer-Kahrweg
Ruth Meyer-Kahrweg (geb. 5.2.1932, gest. 1.6.2026) war ‚Heimatforscherin‘, Rheinlandtaler-Preisträgerin und verfasste ein Standardwerk zu „Denkmäler[n], Brunnen und Plastiken in Wuppertal“
Ruth Meyer-Kahrweg:
„[…] ‚fürchterlich gern‘ zur Schule gegangen“1 –
Biographisches:
Kurz vor Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft wird Ruth Kahrweg 1932 geboren. In ihrer frühen Kindheit wohnt sie – zusammen mit den Eltern und ihrer 10 Jahre älteren Schwester – in der Taubenstraße 7 auf dem Sedansberg in Wuppertal-Barmen. Während des Zweiten Weltkriegs erlebt sie dort hautnah den Angriff auf Wuppertal Ende Mai 1943 mit, bei dem die elterliche Wohnung vollständig zerstört wird.2
Die Familie Kahrweg lebt fortan an unterschiedlichen Orten. Ruth kommt zunächst in Vohwinkel bei der Patentante der Schwester unter, dann in Erfurt, wohin die Schule evakuiert wird, bis sie noch während des Krieges zu ihrer Mutter nach Bad Pyrmont umzieht.3 Ruth, als Kind eine begeisterte Schülerin, die schon vor dem Eintritt in die Schule lesen und schreiben kann, muss in Bad Pyrmont ein Jungengymnasium besuchen und wird dort vom Lateinunterricht freigestellt, weil die Mitschüler in dem Fach schon zu weit fortgeschritten seien. Nach dem Krieg kehren Mutter und Tochter zum Vater nach Wuppertal zurück.4 Der in Bad Pyrmont verwehrte Lateinunterricht erschwert ihr auch in Wuppertal den weiteren Schulbesuch, was Ruth Meyer-Kahrweg sehr bedauert. So verlässt sie vor dem Abitur die Schule.5
Sie arbeitet bei der „Puppenbühne Hans Scheu“6 in Wuppertal, einer weit über Wuppertals Grenzen hinaus bekannten Bühne, auf der klassische Theaterstücke wie beispielsweise „Faust“ von Goethe zur Aufführung kommen. Hier spielt sie nicht nur die Hand- und Stabpuppen, sondern sie gestaltet auch Bühnenbilder, was ihrer künstlerischen Begabung Rechnung trägt.
Schon früh lernt sie ihren späteren Mann kennen, den sie 1956 heiratet. Beide wählen den Doppelnamen als Familiennamen – in der Zeit möglich, aber (noch) ungewöhnlich. Nach mehreren Umzügen wohnt die Familie, inzwischen sind ein Sohn und eine Tochter hinzugekommen, seit 1972 wieder in Wuppertal. Aufgrund seiner Berufstätigkeit als Dipl.-Ingenieur (Maschinenbau) bei der Essener Firma Steag arbeitet der Ehemann einige Jahre im Ausland.7 Die Familie hingegen bleibt in Deutschland und Ruth Meyer-Kahrweg widmet sich ab Mitte der 70er Jahre intensiv und ausdauernd der Erforschung ihrer Heimat.
Ihre letzten Lebensjahre verbringt sie in Oberursel (Hessen) bei ihrer Tochter. Am 1. Juni 2026 verstirbt Ruth Meyer-Kahrweg.
„[A]kribische Sammelleidenschaft“8 – Auf Spurensuche in Wuppertal
Als Teilnehmerin eines VHS-Kurses („Kunsthistorisches Forum“) nimmt Ruth Meyer-Kahrweg 1975 an einer Exkursion nach Süddeutschland teil. Im Anschluss daran wird sie von der Kursleiterin eingeladen, ihrerseits einen Kurzvortrag zu Wuppertaler Denkmälern oder einem Wuppertaler Denkmal zu halten. Was so „harmlos“ und klein beginnt, entwickelt sich zu einer jahrzehntelangen Arbeit als Chronistin, Autorin und Grundlagenforscherin.9 Aus Interesse an (steingewordener) Geschichte wird Ruth Meyer-Kahrweg im gleichen Jahr Mitglied im Bergischen Geschichtsverein. Hier organisiert sie bald als Beirätin mit großem Engagement und Herzblut Vortragsreihen und schreibt selbst immer wieder Aufsätze in der vereinseigenen Zeitschrift.10 In ihrer ersten Publikation unter dem Titel „Der Dank des Vaterlandes“11 weist sie 1978 anhand von Gedenktafeln und Inschriften auf Denkmälern einen Wandel in der Art des Gedenkens an Kriegsopfer bzw. im Krieg gestorbene Soldaten nach. Später fasst sie ihre diesbezügliche Erkenntnis wie folgt zusammen:
Viele Denkmäler und Gedenktafeln erinnern an die Befreiungskriege, an die Feldzüge des 19. Jahrhunderts sowie an die beiden Weltkriege. Während anfänglich noch die Namen und Daten der Toten verzeichnet wurden, wird mit immer präziser werdender Kriegstechnik deutlich, daß die Zahl der Opfer unvorstellbar groß wurde und oft nur noch summarisch ihrer gedacht werden konnte.12
Bei ihren Nachforschungen stößt sie auf ein im Jahr 1904 erschienenes dünnes Buch des Rektors und Historikers Otto Schell mit dem Titel: „Denkmäler der Stadt Elberfeld“. Otto Schell stellt darin 14 Elberfelder Denkmäler vor, ihre Entstehung sowie die Menschen, die diese Denkmäler gestiftet haben oder nach denen sie benannt sind. Als Reprint veröffentlicht Meyer-Kahrweg 1980 dieses Bändchen unter dem Titel: Wuppertaler Denkmäler. Spiegel ihrer Zeit.13 Für wie wertvoll diese erste eigene Buchveröffentlichung gehalten wird, zeigt sich – nicht zuletzt – an den beiden Vorworten. Das erste Vorwort verfasst der damalige Ministerpräsident von NRW Johannes Rau, der in dem Band die Chance und den Sinn „zu kritischem, vorurteilsfreiem Rückblick“ sieht.14 Im zweiten Vorwort lobt Michael Metschies, damals Vorsitzender des Bergischen Geschichtsvereins, Abt. Wuppertal, den würdevollen Umgang mit Denkmälern „gerade auch dann, wenn wir uns mit diesem Geist nicht mehr identifizieren können. […] Als geschichtliche Urkunde besitzt es [das politische Denkmal] jedoch einen unersetzlichen Zeugniswert.“15 Ruth Meyer-Kahrweg ergänzt die Erzählungen von Otto Schell mit aktuellen, eigenen Fotos der Denkmäler und kurzen Erläuterungen. Darüber hinaus fordert sie in ihrer Einleitung zum Nachdenken über den Umgang mit Denkmälern auf und appelliert – durchaus nicht unpolitisch – in ihrem Nachwort an die Leser*innen, sich wieder verantwortlich zu fühlen für das Gemeinwohl. Die Entstehungsgeschichten und die „Aussagen der Denkmäler können uns dabei helfen.“16
Auf diese Weise rettet sie sowohl die Denkmäler als auch die lesenswerten Informationen von Otto Schell vor dem Vergessenwerden.
Neben weiteren Veröffentlichungen zu historischen Themen und Personen (vor allem in der Zeitschrift des Geschichtsvereins) beginnt Ruth Meyer-Kahrweg nun ihre systematische, akribische und ertragreiche Recherchearbeit. Drei Publikationen seien hier besonders gewürdigt.
- 1984 veröffentlicht Meyer-Kahrweg ihre vielbeachteten Forschungsergebnisse zum Einsatz von Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg in Wuppertal, einschließlich einer detaillierten Liste (aller) Wuppertaler Firmen, die Fremdarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigt haben.17
- Zweifellos ihr Hauptwerk, das ihren Ruf als „Riesin“18 begründet, erscheint 1991 – nach 15-jähriger Recherche – Ruth Meyer-Kahrwegs zweibändiges Mammutprojekt unter dem Titel: Denkmäler, Brunnen und Plastiken in Wuppertal19. Diese Publikation ist das Ergebnis ihres mit Sammelleidenschaft, Ausdauer, Beharrlichkeit und Fleiß verfolgten Ziels, eine möglichst vollständige Übersicht über sämtliche Denkmäler, Brunnen und Plastiken in Wuppertal zu erstellen. In chronologischer Ordnung verzeichnet das Nachschlagewerk auf 571 Seiten „etwa 380 Objekte[…]“20 im Stadtgebiet, beginnend 1718 und endend kurz vor dem Erscheinen des Buches 1991. Diese Zeugnisse von Vergangenheit und Gegenwart werden in Bild und Text vorgestellt, Inschriften sind transkribiert und – wo möglich – ergänzt mit Zitaten aus der Entstehungszeit, um „durch Tonfall und Wortwahl die vergangenen Zeiten wieder lebendig werden zu lassen.“21 In der Fachwelt gilt dieses „Gesamtinventar“22 bis in die Gegenwart hinein als unverzichtbares Verzeichnis, wird als „Der Meyer-Kahrweg“23, als „Standard-Werk“ bzw. als „Denkmal-Bibel“ betitelt.24 Im dazugehörenden Band 2 stellt Meyer-Kahrweg die Biografien der Künstler und (der wenigen) Künstlerinnen in alphabetischer Reihenfolge vor.
- In den folgenden Jahren beginnt Ruth Meyer-Kahrweg ein weiteres Mammutwerk. Wieder wird das Stadtarchiv ihr „zweites Wohnzimmer“.25 Dieses Mal erstellt sie ein umfassendes Verzeichnis Wuppertaler Architekten und ihre[r] Bauwerke. Ihre diesbezügliche Forschungsfrage lautet: „Wer baute was wann und für wen?“26 Das großformatige Werk erscheint 2003 in einer limitierten Auflage von 50 handschriftlich nummerierten Exemplaren. Eine Fortsetzung bzw. Fortschreibung kann aber – krankheitsbedingt – nicht mehr umgesetzt werden.
2002 wird Ruth Meyer-Kahrweg mit dem Rheinlandtaler des Landschaftsverbandes Rheinland geehrt und ausgezeichnet: für die jahrelange Organisation von Vorträgen im Bergischen Geschichtsverein; für ihre unermüdliche Recherchearbeit; für ihre „akribische Sammel-leidenschaft“27 sowie ihre mit wissenschaftlicher Genauigkeit zusammengetragenen Daten zur Stadt- und Heimatgeschichte – für ihr in all den Jahren geleistetes, äußerst zeitaufwendiges Engagement, mit dem sie sich um die „landschaftliche Kulturpflege ehrenamtlich besonders verdient gemacht“ hat.28
Von Anfang an liegt die Motivation für ihre Disziplin fordernde jahrzehntelange Arbeit in dem Wunsch, dass die Menschen „die Vergangenheit […] kennen und ihre Auswirkungen […] begreifen“.29 Dazu hat Ruth Meyer-Kahrweg in der Tat ihren Beitrag geleistet.
Text: Dr. Beate Schnepp (Stand: Juli 2026)
Verortung: Taubenstraße 7
Quellen:
Fotos:
1. Ruth Meyer-Kahrweg aus dem Jahr 2012 mit freundlicher Genehmigung der Tochter Dorothee Meyer-Kahrweg
2. Umschlagbilder ihres Hauptwerkes
3. Einladung zur Preisverleihung des Rheinlandtalers an Ruth Meyer-Kahrweg, 17.8.2002
4. Verleihung des Rheinlandtalers 2002
1 Nach Auskunft der Tochter Dorothee Meyer-Kahrweg [25.5.2026].
2 Vgl. Ruth Meyer-Kahrweg: Lieber Gott, hör‘ bitte auf! In: Bomben auf Wuppertal. Vor fünfzig Jahren. Die Bombenangriffe auf Wuppertal am 30. Mai und 25. Juni 1943. Aufsätze und Zeitzeugenberichte. Hg. v. Herbert Pogt. Wuppertal: Born-Verlag 1993, S. 149-150.
3 Der Vater muss aufgrund seiner Tätigkeit bei Vorwerk (Leiter der Betriebskrankenkasse) in Wuppertal bleiben.
4 Die ältere Schwester arbeitet bereits in Trier als Lehrerin.
5 Um lateinische Inschriften lesen zu können, belegt RMK später VHS-Kurse und lernt Latein so gut, dass sie selbst Briefe auf Latein schreiben kann. [Auskunft der Tochter, 25.5.2026.]
6 Siehe dazu: http://new.heimat.de/home/wps/labbe_buehne.html. Hier wird der Familienname irrtümlich vertauscht. „Kahrweg-Meyer“ statt richtig „Meyer-Kahrweg“. [Aufruf am 6.4.2026]
7 Von 1983-1986 sowie von 1989 bis 1991 in der Türkei.
8 Volkmar Wittmütz. Zit. nach: Ruth Meyer-Kahrweg. In: Wuppertal-Barmen. Leben in Vielfalt. URL: https://web.archive.org/web/20150129173309/http:/www.barmen-200-jahre.de/index.php/component/k2/item/136-meyer-kahrweg [Aufruf am 24.2.2026].
9 Zu den Anfängen der Forschungstätigkeit vgl. Stefan Koldehoff: „Vom Tal Kaiser Wilhelm bis zu den Schildkröten. Das Gesamtinventar der Wuppertaler Denkmäler, Brunnen und Plastiken liegt vor.“ In: Wuppertaler Rundschau, Donnerstag, 12.12.1991, S. West 13 Ost 33.
10 Titel der Zeitschrift: „Mittteilungen des Stadtarchivs, der Abteilung für Stadtgeschichte und Frühindustrialisierung des Fuhlrott-Museums und des Bergischen Geschichtsvereins, Abteilung Wuppertal“.
11 Ruth Meyer-Kahrweg: „Der Dank des Vaterlandes“. In: Mittteilungen des Stadtarchivs (…). 3. Jg., H. 1 und 2. Oktober 1978, S. 21-25.
12 Ruth Meyer-Kahrweg: Denkmäler, Brunnen und Plastiken in Wuppertal. [S. 8].
13 Ruth Meyer-Kahrweg: Wuppertaler Denkmäler. Spiegel ihrer Zeit. Mit einem Nachdruck des 1904 erschienenen Buches von Otto Schell „Denkmäler der Stadt Elberfeld“. Wuppertal: Verlag Frohn GmbH, 1. Auflage 1980.
14 Johannes Rau. Vorwort. In: Ruth Meyer-Kahrweg: Wuppertaler Denkmäler. S. 9f.
15 Michael Metschies. Vorwort. In: Ruth Meyer-Kahrweg. Wuppertaler Denkmäler. Ebd. S. 12f.
16 Ebd. S. 112.
17 Ruth Meyer-Kahrweg: „Fremdarbeiter und Kriegsgefangene in Wuppertal 1939-1945“. In: Klaus Goebel (Hg.): Wuppertal in der Zeit des Nationalsozialismus. Wuppertal: Peter Hammer Verlag. 1984. S. 179-196.
Im gleichen Band ist ein weiterer Aufsatz von Ruth Meyer-Kahrweg enthalten mit dem Titel: „Straßenumbenennungen in Wuppertal als Demonstration nationalsozialistischen Geistes.“ Ebd. S. 43-49.
18 In Anspielung auf ein Zitat von Johannes von Salisbury. Vgl. URL: https://zeitzeichen-wuppertal.de/rmk [Aufruf am 10.6.2026]
19 Ruth Meyer-Kahrweg: Denkmäler, Brunnen und Plastiken in Wuppertal. In der Reihe: Beiträge und zur Denkmal- und Stadtbildpflege des Wuppertals. Bd. 10. Wuppertal. Born-Verlag 1991.
20 Diese Zahl nennt Michael Metschies in seinem Vorwort. Ebd. S. [6].
21 Ruth Meyer-Kahrweg. Ebd. S. [8].
22 Stefan Koldehoff: „Von Tal Kaiser Wilhelm bis zu den Schildkröten. Das Gesamtinventar der Wuppertaler Denkmäler, Brunnen und Plastiken liegt vor.“ In: Wuppertaler Rundschau. Donnerstag. 12.12.1991. Ausgabe Ost. S. (West 13.) Ost 33.
23 Diese Umschreibung stammt von dem Historiker Prof. Klaus Goebel. Zit. nach: Stefan Koldehoff. Ebd.
24 Vgl. Fußnote 18. URL: https://zeitzeichen-wuppertal.de/rmk [Aufruf am 10.6.2026]
25 Vgl. dazu Stefan Koldehoff, 1991. (Fn. 22)
26 Ruth Meyer-Kahrweg: Architekten, Bauingenieure, Baumeister, Bauträger und ihre Bauten in Wuppertal.
© 2003 by Familienstiftung Pies-Archiv, Forschungszentrum Vorderhunsrück e.V., Altes Pfarrhaus, D-56290 Dommershausen, An der Kirche 1 im Verlag Dr. Eike Pies, D-45549 Sprockhövel, Mettberg 18.
27 S. Fn. 8.
28 S. Einladungstext zur Rheinlandtalerverleihung am 17.8.2002 im Engels-Haus in Barmen.
29 Ruth Meyer-Kahrweg: Wuppertaler Denkmäler. Spiegel ihrer Zeit. (Fn. 13) S. 112.
























