Frieda Schindelin, ca. 1977, vermutlich von H. Lachmann, Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR; RS21716)
Frieda Schindelin
Frieda Schindelin war eine der ersten Pfarrerinnen im Rheinland. Sie wurde am 2. April 1895 als viertes von elf Kindern in Barmen geboren. Ihr Vater war hier Geschäftsführer des Missionshauses der Rheinischen Mission, ihre Mutter ebenfalls eine gläubige Christin. Frieda Schindelin ging gern zur Schule und interessierte sich besonders für Religion, Geschichte und Geografie. Früh war ihr klar, dass sie studieren wollte und zwar evangelische Theologie. Ihre Eltern unterstützten sie – ungewöhnlich für die damalige Zeit – in ihrem Vorhaben, konnten ihr ein Studium aber nicht finanzieren. Also arbeitete sie zunächst mehrere Jahre als Lehrerin an verschiedenen Mädchenschulen und verdiente sich durch das Geben von Nachhilfe noch Geld dazu. Die Abende nutzte sie, um sich auf ihr Theologiestudium vorzubereiten und verbesserte ihre Kenntnisse in Latein und Altgriechisch.
1921 konnte sie dann endlich mit dem Studium beginnen, das sie nach Bethel, Tübingen, Leipzig, Münster und Halle an der Saale führte. 6 Jahre später legte sie als erste Frau in Halle/Saale das erste theologische Examen ab. Anschließend ging es für sie zurück ins Rheinland, wo sie als Religionslehrerin in Düsseldorf unterrichtete.
Zwei Jahre später erhielt sie von der Norddeutschen Missionsgesellschaft die Anfrage, ob sie Leiterin einer Mädchenschule in Westafrika werden wolle. Das war für Frieda Schindelin eine große Chance und eine spannende Herausforderung. Dafür entschied sie sich gegen eine weitere theologische Ausbildung in Deutschland und gegen das zweite theologische Examen. Sie nahm das Angebot an und begann mit den Vorbereitungen. Leider stellte sich 1934 während einer hartnäckigen Erkrankung heraus, dass sie als „nicht tropentauglich“ eingestuft werden musste. Ein längerer Aufenthalt in Westafrika war nicht mehr möglich. Sie musste ihre Pläne mit der Norddeutschen Mission aufgeben und die Rückreise nach Deutschland antreten. Hier kam sie zur Genesung für einige Zeit ins Tropeninstitut nach Tübingen. Um diesen Aufenthalt gut zu nutzen, verfasste sie hier, trotz ihrer Krankheit, ihre zweite Examensarbeit. 1935 konnte sie dann bei der Bekennenden Kirche ihr zweites theologisches Examen mit einem sehr guten Ergebnis ablegen. Dennoch war ihr und ihren wenigen Mitstreiterinnen der Weg in ein normales Pfarramt, wie er den Männern offenstand, versperrt. Wie damals üblich, gab es für Frauen keine Ordination, sie durften keine Gemeinde leiten oder sonntags predigen. Sie blieben bei der behelfsmäßigen Amtsbezeichnung „Vikarin“ und sollten sich auf Kinder-, Jugend- und Frauenarbeit konzentrieren. Den neuen politischen und kirchlichen Entwicklungen in Deutschland stand Frieda Schindelin kritisch gegenüber und sah ihren Platz eindeutig auf der Seite der Bekennenden Kirche. Das hing sicher auch mit ihrer zweijährigen Tätigkeit an der Gemarker Kirche, dem Ort der Barmer Theologischen Erklärung vom 31.5.1934, zusammen.
Eine feste Stelle fand sie 1937 beim Landesverband der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland. Sie reiste zu vielen Frauen- und Bibelkreisen und verfolgte in ihrer Arbeit einen modernen Ansatz – nicht sie als Theologin wollte die Inhalte vorgeben und vortragen, sondern sie wollte mit den Frauen vor Ort die Bibeltexte partizipativ erschließen, ins Gespräch kommen und so den Bezug zur eigenen Lebenswelt darstellen. Für viele war das neu, sie waren nicht gewohnt, aktiv mitzudenken und mitzureden. Ihre Methode kam nach anfänglichen Berührungsängsten gut an.
In der Zeit des Zweiten Weltkriegs herrschte ein Mangel an Pfarrern in der Bekennenden Kirche, viele Kollegen waren zum Wehrdienst eingezogen worden. In dieser Situation entschloss sich die Kirchenleitung, die examinierten Theologinnen nun doch zur Gemeindeleitung zuzulassen, um die Gemeinde nicht in falsche Hände zu geben. So versorgte auch Frieda Schindelin verschiedene Gemeinden in Thüringen. Leider entschied sich die Kirche nach Kriegsende dazu, Frauen dieses Arbeitsfeld wieder zu verschließen. Trotz erfolgreicher Tätigkeit wurde auch Frieda Schindelin zurück in die Frauenarbeit geschickt. So leitete und beriet sie weiterhin Frauen- und Bibelkreise, unterstützte das geistliche Leben in vielen Gemeinden und half ihnen, Gemeinschaft und Glauben lebendig zu halten. Hierfür engagierte sie sich bis ins hohe Alter hinein.
Der Ruhestand begann für Frieda Schindelin im Jahr 1960. Sie blieb weiterhin am kirchlichen Leben interessiert, führte einen regen Briefwechsel mit Kolleg*innen, Freund*innen und ihrer Familie. Als drei Jahre nach ihrem Ruhestand der Titel „Pastorin“ als Amtsbezeichnung für Theologinnen in der rheinischen Landeskirche eingeführt wurde, ließ sie so lange nicht locker, bis auch ihr diese Anrede zugestanden wurde. Sie hatte sich in der Vergangenheit oft genug mit der ihr zugewiesenen Rolle begnügt, nun sah sie nicht ein, dass jüngere Kolleginnen diesen Titel führen durften und sie nicht. Diese Anerkennung hatte sie sich verdient.
Viele Jahre leitete sie auch als Pensionärin weiterhin Bibelkreise und setzte sich in Wuppertal für den Aufbau der Telefonseelsorge ein. Außerdem waren ihr im Alter Spiritualität und kontemplatives Beten wichtig. Um dies vielen Menschen zu ermöglichen, unterstützte sie den Ausbau des „Hauses der Stille“ durch Spenden und die Übertragung ihres Erbes. 2018 wurde das damit erbaute Gästehaus nach ihr benannt.
Frieda Schindelin hat die Rolle von Frauen in der Kirche in Wuppertal und im Rheinland maßgeblich geprägt. Obwohl sie eine eher ruhige Person war, die nicht die großen Auseinandersetzungen suchte und sich in den ihr bestimmten Weg fügte, so war sie doch eine kluge und moderne Theologin, die in ihrer Arbeit viele neue Akzente setzte. Sie ermutigte Frauen jeder Gesellschaftsschicht, selbst aktiv zu werden, Bibeltexte zu lesen und zu interpretieren – nicht passiv zuzuhören, nicht alles der Pfarrperson zu überlassen, sondern mitzugestalten. Sie vermittelte ihnen ein unmittelbares Gefühl von Glaubenskompetenz und -verantwortung, von Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Mit ihrem Engagement für die Telefonseelsorge und christliche Meditationen hatte sie Anteil an neuen Formen von Seelsorge und Frömmigkeit. In ihrem langen Leben – sie wurde fast 103 Jahre alt – hat sie viele Menschen berührt und inspiriert.
Text: Barbara Herfurth-Schlömer (Stand: Dezember 2025)
Quellen
Karin Vorländer, Frieda Schindelin, Pastorin. Auf den Spuren einer leisen Pionierin der Kirche, Neukirchen-Vluyn 2004
Verortung auf dem Stadtplan
Verortet wird Frieda Schindelin in Wuppertal-Barmen, an ihrem Geburtsort, Gronaustr. 56.


















