Foto: © Privatarchiv Adalbert Immer
Leni Immer
Leni Immer wurde am 24. Februar 1915 in Rysum, Ostfriesland als erstes Kind von Karl Immanuel (1888-1944) und Tabea Immer, geb. Smidt (1890-1959), geboren. 1927 zog sie mit ihrer Familie nach Wuppertal-Barmen, wo ihr Vater die Pfarrstelle der reformierten Gemeinde an der Gemarker Kirche übernahm. Ihren Eltern war es wichtig, die Kinder in der Verbundenheit zum christlichen Glauben und zur Kirche zu erziehen. Das prägte Leni Immer für ihr ganzes Leben.
Als Jugendliche erlebte Leni Immer in den 1930er Jahren den Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland und die damit verbundenen Maßnahmen in der und gegen die evangelische Kirche hautnah mit. Ihre Eltern waren von Anfang an kritisch gegen die neuen politischen Machthaber und gegen die Glaubensbewegung „Deutsche Christen“, die die evangelische Kirche nach den Vorgaben der Nazis gleichschalten wollten. Sie engagierten sich im sogenannten Kirchenkampf, der Auseinandersetzung innerhalb der deutschen evangelischen Kirche zwischen der „Bekennenden Kirche“ – die sich gegen die Einflussnahme der Nationalsozialisten aussprach – und den „Deutschen Christen“. Diese Entwicklungen und Vorgänge wurden oft im Hause Immer diskutiert. Leni Immer nahm interessiert an diesen Unterhaltungen teil und informierte sich intensiv über die theologischen Fragen der Zeit. Ein Vortrag des bekannten Schweizer Theologen Karl Barth beeindruckte sie sehr und war prägend für ihr weiteres Leben.
Foto: © Privatarchiv Adalbert Immer
Obwohl sie bei der Gründungsversammlung der Bekennenden Kirche in der Gemarker Kirche im Mai 1934 nicht dabei sein konnte, bekam sie durch die Schilderungen und Briefe ihres Bruders Karl und ihrer Eltern auf direktem Wege vieles mit. Wie ihre Familie hatte sie einen festen Glauben und ein starkes Bewusstsein für kirchliche Verantwortung. „Also in unserem Elternhaus herrschte eine solche Atmosphäre des Vertrauens und des Glaubens, daß man sich sagte, was auch passieren mag… irgendwo ist man im Glauben geborgen.“ (BR Manuskript, S. 6)
Sie alle waren sich der möglichen Konsequenzen ihres Engagements für die Bekennende Kirche bewusst und haben das mutig und voller Gottvertrauen in Kauf genommen.
1939 arbeitete sie – nach einer Ausbildung zur Gemeindepflegerin am Burckhardthaus in Berlin – in ihrer Heimatgemeinde Gemarke in der Jugendarbeit. Außerdem unterrichtete sie Religion am Mädchengymnasium Sternstraße 75 (heute Gymnasium Am Kothen, Elberfeld). 1941 bekam sie eine offizielle Anstellung als Gemeindepflegerin. Oft musste sie ihre Arbeit heimlich tun, weil die Nazis kirchliche Kinder- und Jugendarbeit eingeschränkt oder später dann verboten hatten. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war sie Religionslehrerin am Gymnasium Am Kothen sowie an verschiedenen Berufsschulen in Barmen. Parallel bildete sie sich weiter. Als erste Frau war sie von 1963 bis 1979 Mitglied der Leitung der damaligen Rheinischen Mission, später der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal. 1974 meisterte sie das Examen zur Gemeindemissionarin. Anschließend wurde sie zur Pastorin ordiniert. Sie engagierte sich als Mitglied des Presbyteriums in der Gemarker Gemeinde, in der Kreis- und der Landessynode.
Foto: © Privatarchiv Adalbert Immer
Eine ihrer wichtigsten Aufgaben sah sie darin, von ihren Erlebnissen aus der Zeit des Kirchenkampfes zu berichten. Besonders junge Menschen wollte sie an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, damit die Geschichte nicht in Vergessenheit geriet und damit sich die Menschen damit auseinandersetzen konnten. Außerdem pflegte sie einen regen Briefwechsel mit Freund*innen und Kolleg*innen in Deutschland und im Ausland und verfasste Bücher.
Ihr bekanntestes Werk ist „Meine Jugend im Kirchenkampf“ (1994), in dem sie ihre Sicht auf die Geschehnisse in der 1930er und 1940er Jahren festhielt und auch ihre Familie in Auszügen aus Briefen zu Wort kommen ließ. Es war ihr immer ein Anliegen, die Geschichte ihrer eigenen Familie und die Verflechtung mit den politischen und kirchenpolitischen Geschehnissen festzuhalten. Dieses Buch ist ein wichtiges Dokument, denn es zeigt aus Sicht einer Zeitzeugin auf, wie junge Menschen jene turbulenten Jahre erlebt haben.
Leni Immer war viel unterwegs und gern auf Reisen, besuchte u.a. Schottland, Frankreich, Tansania, Ägypten, Israel und Indonesien. So hatte sie nicht nur die deutsche kirchliche Entwicklung im Blick, sondern auch internationale Glaubensbewegungen und globale christliche Perspektiven. Ihr war der Austausch mit anderen Religionsgemeinschaften und Konfessionen und auch der Kontakt zur jüdischen Gemeinde in Wuppertal sehr wichtig. Nach manchen Auslandsaufenthalten veröffentlichte sie Reiseberichte, in denen sie ihre Eindrücke und Begegnungen teilte.
Leni Immer Grabstein | © B. Herfurth-Schlömer
Am 17. Mai1998 verstarb Leni Immer auf der Nordseeinsel Baltrum, sie hatte dort an einer Tagung des Bundes Deutscher Bibelkreise teilgenommen. Beerdigt wurde sie, wie auch ihre Eltern und ihre Geschwister Friederike, Waltraut, Adalbert und Udo, auf dem Friedhof an der Hugostraße in Wuppertal-Barmen.
Text: Barbara Herfurth-Schlömer (Stand Dezember 2025)
Verortung im Stadtplan:
Verortet wird Leni Immer an ihrem Wohnort, der Karl-Immer-Straße in Wuppertal-Barmen.
Quellen:
Manuskript zur Sendung „Und Sara zog mit. Frauen in der Bekennenden Kirche“ des BR vom 6.4.1986 (unveröffentlicht, aus dem Privatarchiv von Adalbert Immer)
Leni Immer, Meine Jugend im Kirchenkampf, Stuttgart 1994.
Anna-Maria Reinhold, Der lange Weg zur Frauenordination in der evangelischen Kirche am Beispiel Wuppertal, in: Geschichte in Wuppertal 24 (2013), S. 10.





















