Foto: Dr. Eva Waldschütz
Annemarie Gerson
Annemarie Gerson, geb. 26. Mai 1935 in Berlin, Ärztin und Menschenfreundin, die lange in Wuppertal praktizierte und sich unermüdlich für ihre Mitmenschen einsetzte.
Besuch bei einer aufgeschlossenen, sehr freundlichen und gesprächigen Seniorin. Trotz belastender Krankheiten ist sie kontaktfreudig und zugewandt.
Annemarie Gerson und ihre Zwillingsschwester Irene wurden 1935 in Berlin geboren.
Die Schwestern: Erika, Irene, Annemarie | Foto: Margarete Gerson1
Die Mutter Ida Olga Gertrud, genannt Trulla, stammte aus einer ärmlichen Familie, war Christin, so berichtet sie. Angehörige aus deren Familie seien nicht bekannt. Erst später machte die Mutter eine Ausbildung zur Buchhalterin. Sie sei eine durchsetzungsstarke und sehr warmherzige Frau gewesen. Als ihr als jüdisch geltender Ehemann von den Nationalsozialisten in der Berliner Rosenstrasse inhaftiert worden war, zählte sie zu den protestierenden Ehepartner*innen.2
Vater Alfons war Diplomingenieur und arbeitete als Lehrer. Er war Jude, konvertierte allerdings später zum Christentum.
Drei seiner Geschwister und deren Familien wurden in Auschwitz ermordet. Einer Tante, Wally Seeligmann, gelang die Auswanderung nach Israel, einem Onkel Manfred die nach Kanada, später in die USA. Die Tante hätte sie dreimal in Israel besucht.
Onkel Martin und seine Frau Bertel, die von Clara Grunwald, einer bekannten Montessori-Pädagogin, adoptiert worden war, arbeiteten für die Hachschara auf Gut Neuendorf im Sande bei Fürstenwalde. Dort wurden junge Jüd*innen landwirtschaftlich ausgebildet und so für die Auswanderung nach Palästina vorbereitet. Sie zeigt mir zwei Bücher von Clara Grunwald, die sie sehr beeindruckt hätte, auch sei sie früh eine Anhängerin der Montessori-Pädagogik geworden. Ursprünglich hätte sie in der Heilpädagogik arbeiten wollen.
Der Vater hätte während des Krieges eine Grube im Garten gegraben, damit sich die Familie dort bei Bombenbeschuss verstecken konnten. Später musste er Zwangsarbeit leisten.
Sie selbst hätte sich „Krümel“ genannt, da sie mit 152 cm immer die Kleinste in der Familie war.
Ihre Zwillingsschwester wurde als „gelbes Rübchen“ bezeichnet, da sie aufgrund einer erblichen Blutkrankheit ein gelbliches Hautkolorit hatte. Schwester Irene war von Geburt an oft krank gewesen und Annemarie musste so frühzeitig pflegerische Fähigkeiten entwickeln. Im Grunde sei damit der Grundstein zum Medizinstudium gelegt worden.
Irene wurde in den Schulferien zur Rekonvaleszenz von der Israel Mission nach Aarhus, Dänemark geschickt. Annemarie durfte sie begleiten. Die beiden Schwestern lernten dort innerhalb von fünf Jahren fließend Dänisch und genossen das Leben auf einem Bauernhof.
Annemarie Gerson begann ihr Studium in Berlin, ging allerdings mit 21 Jahren nach Gießen, da dort der Hochschulbetrieb individueller organisiert gewesen sei. In Marburg schloss sie sich einer anthroposophischen Studierendengruppe an. Sie arbeitete auf dem Sonnenhof in der Schweiz und machte ein Praktikum bei dem jüdischen Arzt Dr. Karl König in Schottland. Damit vertiefte sie ihre Kenntnis von anthroposophischer Heilpädagogik. Es war auch schon geplant, dass sie eine Stelle auf dem Sonnenhof annehmen wollte.
Aber es kam ein Hilferuf aus Wuppertal, von einer Freundin aus ihrer Marburger Gruppe, ob sie bei ihr Praxisvertretung machen könnte. So kam sie nach Wuppertal. In Remscheid machte sie dann den Facharzt für „Innere Medizin“ und danach eine Ausbildung in der Kinderheilkunde in Wuppertal. Sie habe immer viele Fortbildungen besucht, in Schulmedizin und Anthroposophie und in ihrer Arbeit beides verbunden. Insgesamt hatte sie zehn Jahre in der Klinik gearbeitet.
In Wuppertal gewann sie eine langjährige Freundin, Hanna Jordan, mit der sie die Mitgliedschaft bei den Quäkern und den „Mischling ersten Grades“ gemeinsam hatte, denn beide hatten ein jüdisches Elternteil.
Nürnberger Gesetze:
German Government („Entwurf Willi Hackenberger“, „Copyright by Reichsausschuß für Volksgesundheitsdienst“, government agency apparently part of the Reichs- und Preußisches Ministerium des Innern), Public domain, via Wikimedia Commons
1971 kam erneut eine Anfrage aus Wuppertal, ob sie die Praxis übernehmen könnte. Die Freundin wollte ihrem Herzen nach Essen folgen. Nach mehrfachem Widerspruch und Weigern sagte Frau Gerson letztendlich doch zu. So übernahm sie die Praxis in der Südstadt, 240m² mit Wohnung und fünf Angestellten. Sie hätte Tag und Nacht gearbeitet, war oft bis Mitternacht und auch Sonntagvormittag in der Praxis. Organisation und Abrechnung überließ sie ihren Angestellten. Nach zwölf Jahren kam ein Regress, d.h. eine Honorarrückforderung der Kassenärztlichen Vereinigung. Danach war sie völlig erschöpft und musste mit der Praxis pausieren.
Hilfe kam aus dem Freundeskreis. „Mariechen“, Annemarie Jeschonek, hatte eine Ausbildung in Heileurythmie und ebenso eine als Kauffrau. Nach und nach übernahm sie die gesamte Organisation der Praxis, entließ die fünf Mitarbeiterinnen und erledigte alle Arbeiten, vom Putzen bis zur Blutentnahme. 17 Jahre hat „Mariechen“ in der Praxis gearbeitet und Annemarie Gerson unterstützt. Dann wurde der Mietvertrag der Praxis gekündigt. Der Eigentümer wollte sanieren und die Wohnungen verkaufen. 2000 musste die Praxis geschlossen werden.
Danach richtete sich Dr. Gerson am Rott für weitere fünf Jahre eine Privatpraxis ein und finanzierte damit „das Lädchen“, eine Puppenbühne in einer Garage, wo Bewegungsspiele sowie Lese- und Märchenstunden für Kinder ab vier Jahren kostenlos stattfanden. Die Puppen für die Märchenaufführungen stellten die Spielenden selbst her.3
Außerdem war sie Mitgründerin des Carmen-Sylva-Hauses, eines anthroposophischen Altenheims in Wuppertal. Nebenbei kümmerte sie sich um pflegebedürftige Senior*innen. Oft bezahlte sie selbst die Medikamente, wenn sich ihre Patient*innen z.B. keine Misteltherapie leisten konnten.
2012 wurde sie für ihren ehrenamtlichen Einsatz mit dem „Wuppertaler“ ausgezeichnet.4
Seit 21 Jahren lebt sie nun im „betreuten Wohnen“. Dort hat sie zunächst die ältere Schwester Erika die letzten Lebensjahre begleitet und danach ebenfalls die Zwillingsschwester. Die Pflegebetten hatte sie in ihrem kleinen Wohnzimmer aufgestellt.5 Insgesamt hat sie ihre Schwestern zehn Jahre gepflegt.
Sie selbst hat keine Angst vor dem Tod. Sie wartet auf ihren „Himmelsgeburtstag“. Vom Leben nach dem Tod ist sie fest überzeugt. Täglich erhält sie Besuch, pflegt viele Kontakte. So ist sie nicht einsam, obwohl sie seit über zehn Jahren ihre Wohnung nicht mehr verlassen hat.
Text: Eva Waldschütz 5.5.2026
Quellen:
1Margarete Gerson | Stolpersteine in Berlin
2 Rosenstraßen-Protest – Wikipedia
3 Puppenbühne in der Garage: Wer lässt die Puppen weiter tanzen? (Stand 5.5.26)
4 „Wuppertaler“ für zwei Medizinerinnen aus der Südstadt | Cronenberger Woche (Stand 5.5.26)
5 Der Hausbesuch: Leben, überleben, weiterleben | taz.de (Stand 5.5.26)
Verortung auf dem Stadtplan:
Praxis: Hospitalstr 16, Elberfeld






















