Abb. 1: Suse Sardemann-Bernuth, vor 1937, Abbildung: LAB Berlin
Suse Bernuth
Suse Bernuth – Die Textilkünstlerin, die die Klöppelspitze neu erfand
Wenn von bedeutenden Textildesignerinnen des 20. Jahrhunderts die Rede ist, fällt ihr Name heute viel zu selten: Suse Bernuth (*30. Juli 1900 in Wesel am Rhein, † 8. Oktober 1977 in Wuppertal). Die geborene Susanne „Suse“ Sardemann prägte mit ihren innovativen Entwürfen die Entwicklung der modernen Klöppelspitze nachhaltig und hinterließ ein Werk, das bis heute bewundert wird.
Der Weg zur Textilkunst
Die Grundlage ihrer künstlerischen Laufbahn legte Suse Bernuth mit einer Schneiderlehre bei ihrer Mutter Emma Sardemann. Nach erfolgreicher Gesellenprüfung studierte sie zwei Jahre lang Textilgestaltung und Entwurf an der Kunstgewerbeschule in Elberfeld.
Anschließend setzte sie ihre Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Magdeburg fort. Dort studierte sie im Textil- und Modebereich bei den Professoren Albers und Reith. Ein weiteres Studium führte sie an die Vereinigten Staatshochschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin. Hier wurde sie von Professor Böhm im Fach Textilgestaltung sowie von Professor Weiß in Malerei unterrichtet.
Kunst und Partnerschaft
1924 heiratete sie den Bildhauer Fritz Emil Bernuth, der ebenfalls aus Elberfeld stammte. Gemeinsam betrieben sie in Berlin ein Atelier und arbeiteten eng zusammen.
Suse Bernuth widmete sich vor allem gewebten Bildteppichen, Bildstickereien und Applikationen. Viele ihrer Veröffentlichungen erschienen unter ihrem Mädchennamen Suse Sardemann. Während der Wirtschaftskrise Ende der 1920er- und Anfang der 1930er-Jahre reagierte das Ehepaar kreativ auf die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse und produzierte Stofftiere sowie Stoffpuppen.

Abb. 3 | Suse Sardemann: Tüllstickerei „Die Königstochter“. In: Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten. Nr. 69 (1931–1932), S. 134.
Neuanfang nach dem Krieg
Die Wirren des Zweiten Weltkriegs führten das Ehepaar schließlich nach Berchtesgaden. Dort begann ein neuer und besonders bedeutender Abschnitt in Suse Bernuths Leben.
Über die Zeit von ca. 1930 bis 1950 gibt es keine weiteren Angaben zu den Tätigkeiten bzw. zu den Arbeiten von Suse Bernuth (A. Wienands, Deutscher Klöppelverband). Es ist auch keine Mitgliedschaft in der NSDAP bekannt.
Zwischen 1950/1953 und 1962 übertrug ihr das Bayerische Kultusministerium die künstlerische Leitung der drei staatlichen Oberpfälzer Klöppelschulen in Schönsee, Stadlern und Tiefenbach. Ihre Aufgabe bestand darin, zeitgemäße Spitzenmuster zu entwickeln und damit der traditionellen Handwerkskunst neue Impulse zu geben.
Die Modernisierung der Klöppelspitze
Nach dem Krieg hatten sich zahlreiche Klöpplerinnen aus dem Erzgebirge und dem Sudetenland in der Oberpfalz niedergelassen. Dadurch waren die Voraussetzungen für eine Wiederbelebung der Klöppelkunst günstig. Dennoch stand Suse Bernuth vor besonderen Herausforderungen: Sie selbst beherrschte die Technik des Klöppelns nicht.
Viele ihrer Entwürfe waren so innovativ, dass ihre Umsetzung selbst erfahrenen Klöpplerinnen Schwierigkeiten bereitete. Deshalb wurde eigens ein Musterzeichner eingestellt. Oft konnten nur die talentiertesten Klöpplerinnen die Entwürfe verwirklichen – vorausgesetzt, sie waren bereit, sich von traditionellen Techniken zu lösen und neue Wege zu beschreiten.
Bernuth verfolgte dabei eine klare gestalterische Vision. Sie wollte die Spitze von den verspielten „Niedlichkeiten“ vergangener Jahrzehnte befreien. Stattdessen setzte sie auf Klarheit, Reduktion und eine sparsame Verwendung der Spitze. Gerade durch diese Zurückhaltung sollte ihre Wirkung gesteigert und ihr Wert erhöht werden.
Ruhe und Aufbruch zugleich
Eine ehemalige Weggefährtin beschrieb Suse Bernuth einmal mit den Worten:
„Sie mochte keine Unruhe um sich. Sie selbst strahlte Ruhe aus, war bedächtig und überlegt; aber auch aus ihrem Innersten heraus wiederum unruhig … An und in ihren hinterlassenen Werken sieht man es: Ruhe – Statik – Ausgeglichenheit – Harmonie in Form und Farbe. Aber im selben Stück, im selben Bild zugleich Unruhe – Dynamik – Keim zum Aufbruch – zum Neuen – zur anderen Sprache mit Form und Farbe.“
(Aus: Suse Bernuth – Klöppelspitzen im Stil der 50er Jahre, S. 14)
Diese Beschreibung trifft den Kern ihrer Arbeiten: Die Entwürfe wirken klar, harmonisch und ausgewogen, besitzen zugleich aber eine bemerkenswerte Modernität und Dynamik.
Entwürfe für Kirche, Handwerk und Mode
Suse Bernuth entwickelte ihre Spitzenentwürfe vor allem für drei Bereiche:
- Handklöppelspitzen
- Kirchliche Spitzenarbeiten
- Damenmode
Allen Arbeiten gemeinsam ist ihre charakteristische Schlichtheit. Gerade diese reduzierte Formensprache macht ihre Entwürfe bis heute zeitlos.
Internationale Anerkennung
Die Arbeiten von Suse Bernuth wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland präsentiert. Ein besonderer Erfolg gelang 1958: Die Ausstellung der drei staatlichen Oberpfälzer Klöppelschulen im deutschen Pavillon der Weltausstellung in Brüssel wurde von der internationalen Jury mit dem „Étoile d’Or“ ausgezeichnet. Für diesen Erfolg erhielt Bernuth eine Ehrenurkunde.
Darüber hinaus wurde ihr Werk mehrfach gewürdigt. Für ihre geklöppelten Arbeiten erhielt sie den Staatspreis für das Kunsthandwerk des Landes Nordrhein-Westfalen (1963) sowie später den Bayerischen Staatspreis (1982).
Rückkehr nach Wuppertal
1958 zog das Ehepaar Bernuth nach Wuppertal zurück – also ausgerechnet in die Region, die den Handklöpplerinnen einst zur großen Konkurrenz werden sollte, denn als Wiege der Frühindustrialisierung mit einem Schwerpunkt auf der Textilproduktion wurden hier seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Spitzen und Bänder maschinell hergestellt. Die „Barmer Artikel“ waren als ein wichtiges Exportgut bekannt, z.B.: Bänder, Litzen, Klöppelarbeiten, Posamenten, Schnürsenkel etc. und machten Barmen wirtschaftlich stark. Es gab sehr viele Klöppelmaschinen im Tal. Klöppelmaschinen waren längst eine arge Konkurrenz für handgeklöppelte Spitzen, weshalb inzwischen Spitzen entwickelt worden waren, die sich schneller klöppeln ließen (z.B. Austria-Spitze mit nur drei Klöppelpaaren, Schneeberger-Spitze mit vier Klöppelpaaren plus Schneeberger Flechter) bzw. man bemühte sich um Muster, die mit einer Maschine nicht (so ohne weiteres) gearbeitet werden konnten. Die Klöppelmaschinen in Wuppertal waren also längst Konkurrenz, als Bernuths nach Wuppertal zurückkehrten.
Suse Bernuth wandte sich aber nun verstärkt der Gestaltung von Bildteppichen zu.
Am 8. Oktober 1977 starb sie nach langer Krankheit. Während dieser schweren Zeit wurde sie von ihrem Ehemann liebevoll begleitet und gepflegt.
Ein Vermächtnis, das weiterlebt
Die Ideen und Gestaltungsprinzipien von Suse Bernuth wirken bis heute nach. Viele ihrer Ansätze, die sie an den Oberpfälzer Klöppelschulen vermittelte, haben bis in die Gegenwart Bestand. Ein eindrucksvoller Beleg für ihre Bedeutung war die Hauptausstellung des 7. Klöppelspitzen-Kongresses des Deutschen Klöppelverbandes im Jahr 1989, die ausschließlich ihrem Werk gewidmet war. Im Januar und Februar 1974 widmete das Wuppertaler Von der Heydt-Museum den Bernuths, also Suse und Fritz Bernuth zusammen, eine Ausstellung unter dem Titel „Wandteppiche, Bilder, Skulpturen“. Auch heute noch werden ihre Arbeiten regelmäßig in Ausstellungen gezeigt – ein Zeichen dafür, wie modern, wegweisend und inspirierend ihre Entwürfe geblieben sind. Im „Museum ehemalige Klöppelschule“ in Tiefenbach wird ihr Werk ebenfalls gewürdigt.
Suse Bernuth hat die Klöppelspitze nicht nur bewahrt, sondern ihr eine neue, zeitgemäße Sprache verliehen. Damit gehört sie zweifellos zu den prägenden Textilkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts.
Verortung:
Hesselnberg 45, Wuppertal Unterbarmen (Standort Atelier)
Quellen:
N.N.: „Anregungen aus anderen Techniken“, in: Klöppelspitze in Deutschland. Ihre Weiterentwicklung von 1950 bis 2000. Hrsg. vom Deutscher Klöppelverband e. V., [o.V.u.J.], S. 66–77, hier S. 69–70.
Gudrun Hüttner, Ina Wunder, Bärbel Kleindorfer-Marx: Artikel „Volkskunst und Kunstgewerbe„Oberpfälzer Klöppelschulen“ in: Sonderausstellung 7. Juni–31. Oktober 1986, Schriftenreihe Kreismuseum Waiderbach, Ehem. Zisterzienserkloster, Bd. 3, 2. Aufl., Landkreis Cham 1986, S. 56–68, hier: S. 60–61.
Marianne Stand, Anneliese Wienands: Suse Bernuth – Klöppelspitzen im Stil der 50er Jahre. Ausstellungskatalog. Hrsg. anlässlich der 7. Jahreshauptversammlung 1989 in Schönsee und Tiefenbach von Deutscher Klöppelverband e. V., Sitz: Nordhalben. 1989.
Anneliese Wienands: Suse Bernuth, geb. Sardemann, In: Spitzen des 20. Jahrhunderts. 1900–1950. Hrsg. vom Deutschen Klöppelverband e.V., 2., überarb. Aufl. 2003, S. 12–13.
Dokumente:
Sterbeurkunde Nr. 2428 aus Wuppertal vom 21.10.1977
Foto Bernuth 1 (Abb. 1): Personenakte Bernuth, Suse. A Rep. 243-04: 639 – LAB Landesarchiv Berlin, Reichskammer der bildenden Künste, Landesleitung Berlin, Registratursignatur: 1725, Laufzeit: 1933–1945, S. [33].
Foto Bernuth (Abb. 2): Eheleute P. H. und M. Tempel, Wuppertal
Suse Sardemann: „Die Königstochter“ (Abb. 3): Suse Sardemann: Tüllstickerei „Die Königstochter“ (Abb.). In: Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten. Nr. 69 (1931–1932), S. 134. https://doi.org/10.11588/diglit.7203#0142
Suse Sardemann (Abb. 4): Suse Sardemann: Batikdecke (Abb.). In: Gustav Friedrich Hartlaub: Das ewige Handwerk im Kunstgewerbe der Gegenwart. Berlin 1931, S. 34. https://doi.org/10.11588/diglit.19124#0038
Fotos Spitzen und Teppich (Abb. 5–9): Stiftung Deutsches Design Museum/Sammlung Rat für Formgebung, Frankfurt am Main.
Text von Barbara Lottermoser (Deutscher Klöppelverband) unter redaktioneller Bearbeitung von Dr. Sophia Krebs und Claudia Müller (Wupperfrauen e.V.), 8.7.2026















![Suse Bernuth [ohne Titel, ohne Jahr; Schal]. Foto: Stiftung Deutsches Design Museum/Sammlung Rat für Formgebung, Frankfurt am Main.](https://wupperfrauen.de/wp-content/uploads/2026/07/abbildung5.jpg)
![Suse Bernuth [ohne Titel, ohne Jahr; Decke]. Abbildung: Stiftung Deutsches Design Museum/Sammlung Rat für Formgebung, Frankfurt am Main.](https://wupperfrauen.de/wp-content/uploads/2026/07/abbildung6.jpg)
![Bildunterschrift: Suse Bernuth, [ohne Titel, ohne Jahr; Nixe]. Abbildung: Stiftung Deutsches Design Museum/Sammlung Rat für Formgebung, Frankfurt am Main.](https://wupperfrauen.de/wp-content/uploads/2026/07/abbildung7.jpg)
![Suse Bernuth [ohne Titel, ohne Jahr; Schal]. Abbildung: Stiftung Deutsches Design Museum/Sammlung Rat für Formgebung, Frankfurt am Main.](https://wupperfrauen.de/wp-content/uploads/2026/07/abbildung8.jpg)
![Suse Bernuth [ohne Datum, ohne Titel; Teppich], Foto: Stiftung Deutsches Design Museum/Sammlung Rat für Formgebung, Frankfurt am Main.](https://wupperfrauen.de/wp-content/uploads/2026/07/abbildung9.jpg)





