Foto: © Eva Waldschütz
Linda Weißgerber
Linda Weißgerber wurde am 29.6.1953 in Schorndorf, Baden-Württemberg, geboren. Dorthin war ihr Vater als Maschinenschlosser von seiner Haaner Firma versetzt worden. Allerdings hatte die Mutter Heimweh und so kehrte die Familie zurück nach Haan.
„Die Eltern hatten sich in den späten Kriegsjahren kennengelernt. Beide waren erleichtert und überglücklich, dass der II. Weltkrieg samt Hitlerzeit endlich ein Ende hatte. So etwas sollte KEINER NIE WIEDER erleben müssen, wurde ihr Lebensmotto, was sie früh in die Herzen der Kinder pflanzten. Der Vater war Witwer mit einem kleinen Sohn und die Mutter, alleinstehend, hatte einen zweijährigen Jungen aus einem Kinderheim adoptiert. Sie heirateten und es wurden noch drei Kinder geboren.1
In Haan besuchte Linda die Schule und wuchs zusammen mit vier Brüdern auf. Ihr Elternhaus war katholisch und sie wurde liebevoll, aber traditionell rollenkonform erzogen. Das kritisierte sie schon als Jugendliche. Sie fand es ungerecht, dass immer nur sie, nie ihre Brüder, in der Küche helfen musste.
Sie hinterfragte den katholischen Glauben, die Haltung der Kirche z.B. zum Vietnamkrieg und trat mit 23 Jahren aus der Kirche aus.
Ihre Mutter, Hausfrau, sei sehr musikalisch gewesen, spielte Akkordeon und Klavier, und hätte die Kinder morgens singend geweckt. Sie sei musisch und handwerklich durch ihre Eltern gefördert worden. So hatten sie ihr auch Klavierunterricht ermöglicht. Später hat sie sich autodidaktisch noch Gitarre beigebracht.
Nach Realschulabschluss und Höherer Fachschule absolvierte sie zunächst eine sozialpädagogische Ausbildung. Bald entwickelten sich Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Sozialarbeit, weil sich dadurch die Lage der Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten nicht grundlegend änderte. 1979 entstand der Entschluss, eine praktische Ausbildung zur Feinmechanikerin zu machen.2 Nach positiven Erfahrungen in der Ausbildung, konnte sie leider nie in diesem Beruf eine Stelle finden. Oft scheiterte es an nicht vorhandenen Damentoiletten.3
Linda bei Tonographie Apparatebau | Foto: Linda Weißgerber
Sie arbeitete als Montagehelferin, zunächst bei Tonographie Apparatebau in der Genügsamkeitsstrasse. Die handwerklich filigrane Arbeit in der Rundfunk- und Studiotechnik machte ihr Spaß. Später wechselte sie zur Quante AG in der Uellendahler Strasse, bis diese 2000 von 3M, einem amerikanischen Technologiekonzern, übernommen wurde. Dort bestückte sie Platinen für Funkgeräte, setzte kleinste elektronische Bauteile mit einer Pinzette in die kleinen Bohrlöcher der Platine ein.4
Von 2007-2011 arbeitete sie in einer Teilzeitstelle beim Frauenverband Courage und mit 64 Jahren ging sie in Rente.
Foto: Linda Weißgerber
Neben ihrer Arbeit war sie immer politisch aktiv, speziell gegen die doppelte Ausbeutung der Arbeiterinnen sowie für die Rechte und Befreiung der Frau.
Bereits 1973 trat sie in die Gewerkschaft IG Metall ein. Von 1989 – 2001 war sie Vertrauensfrau bei der IGM. Gewerkschaftliches Engagement war und ist ihr sehr wichtig, ob gegen Frauenleichtlohngruppen oder die Schließung der Quante AG. Kurzzeitig war sie dort auch im Betriebsrat aktiv, den sie aber wieder verließ, weil er nur unbefriedigende Ergebnisse erreichen konnte und zu eng mit dem Arbeitgeber zusammenarbeitete.
Sie setzte sich für bessere Arbeitsbedingungen ein, den Erhalt von Arbeitsplätzen, Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung und seit 2004 gegen Hartz IV.
1990 wurde sie Mitfrau in der Frauengruppe „frischer Wind“. Diese Initiativgruppe war eine, aus denen am 16.2.1991 der überparteiliche Frauenverband Courage gegründet wurde.5 Linda Weißgerber war von Anfang an dabei und baute den Frauenverband mit auf. 21 Jahre, von 1991 – 2012, hat sie im Bundesvorstand mitgewirkt.6 Bis heute ist sie in der Redaktion der Courage-Zeitung tätig.
Mit zwei weiteren Courage-Frauen konnte sie 1994 am Internationalen Frauenkongress auf den Philippinen teilnehmen, dort unvergessliche Eindrücke sammeln und Courage international weiter vernetzen. Zeitgleich bereitete sie mit dem noch sehr jungen Frauenverband Courage auch in Deutschland einen Internationalen Frauenkongress vor, der im Oktober 1994 mit 1200 Teilnehmerinnen aus elf Ländern in Köln stattfand.7
2000 reiste sie mit einer weiteren Courage-Frau zu einer großen Frauenversammlung nach Argentinien.
Die erste Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen fand zum 100-jährigen Jubiläum des internationalen Frauentages/8. März vom 4.-11. März 2011 in Caracas, Venezuela, statt. Begeistert beteiligte sich Linda an dieser internationalen kämpferischen Frauenbewegung.8
2013 folgte zusammen mit Gleichgesinnten der Besuch einer internationalen Bergarbeiterkonferenz in Peru.9
Kein Wunder, dass es ein großer Traum von Linda war, Spanisch zu lernen, was sie auch umsetzte und konsequent zehn Jahre lang Spanischunterricht nahm.
2012 wurde dem Frauenverband Courage die Gemeinnützigkeit entzogen, da er laut Verfassungsschutz angeblich „linksradikal“ und „extremistisch“ sei. Es folgten unzählige öffentliche Proteste, Solidaritätsbekundungen und Gerichtsprozesse, wobei vom Inlandsgeheimdienst keinerlei fundierte Gründe vorgelegt werden konnten. Nach acht Jahren wurde die Gemeinnützigkeit wieder zuerkannt.10
Wuppertal ist u.a. bekannt durch das Tanztheater Pina Bausch. 2013 organisierten die Courage-Frauen nach deren Tod eine Protestaktion gegen die Schließung des Schauspielhauses. Zu Ehren von Pina Bausch führten sie eine öffentliche Platztaufe auf deren Namen durch. Noch immer gibt es keine offizielle Benennung des Vorplatzes am Schauspielhauses nach Pina Bausch.11
Platztaufe vor dem Schauspielhaus 2013 | Foto: Linda Weißgerber
Neben den praktischen Aktivitäten liegt Linda die Förderung von Verständnis, Hintergrundwissen und bewusstseinsbildender Arbeit sehr am Herzen, auch bei komplexen Themen wie Umweltzerstörung, faschistischer oder Kriegsgefahr.
Besonders der § 218, die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und das Recht der Frau auf Selbstbestimmung ist ein Thema, das Linda und den Frauenverband Courage seit Jahrzehnten bewegt.12 2015 wurde die Autorin als Frauenärztin zum zweiten Mal wegen §219a von Abtreibungsgegnern angezeigt, weil auf der Praxishomepage die Information veröffentlicht war, dass in dieser Praxis u.a. Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Daraufhin organisierte Linda Ende 2017 eine Informationsveranstaltung zum Thema in den Räumen des Courageverbandes in der Holsteiner Straße. Noch immer ist die Autorin dankbar für diese erste Solidarität, die sie in Wuppertal erhielt.
Privat ist Linda ein überaus positiver Mensch. Sie glaubt an das Gute im Menschen und hat noch zahlreiche Ziele. Selbst durch eine Brustkrebserkrankung ließ sie sich 1994 nicht aufhalten und unterbrach damals die Strahlenbehandlung, um auf die Philippinen zum Frauenkongress zu reisen. Auch jetzt, 2026, nach einem Brustkrebsrezidiv 2023, gibt sie trotz Lungenmetastasen nicht auf.
Gegen eigene Kinder hatten sie und ihr Partner sich bewusst, aber schweren Herzens, entschieden, da sie befürchtete, ihre Belastung durch Neurodermitis an ein Kind weiterzugeben. Dafür engagierten sie sich beide politisch für die Kinder der Welt – für deren Zukunft in Frieden und Freiheit. Zehn Jahre lang betreuten sie jeden Freitag die kleine Tochter einer kurdischen Freundin und bauten so eine intensive Beziehung zu diesem Mädchen auf, die bis heute fortbesteht.
Seit 53 Jahren lebt sie ohne Trauschein mit ihrem „Lieblingsmann“ Jupp zusammen, davon über 40 Jahre in Wuppertal.
Linda Weißgerber bei ihrer Lesung aus ihrem Buch „Arbeiterfrauen“ in der Konsumgenossenschaft Vorwärts Münzstraße e.V. am 1.3.26 | Foto: Eva Waldschütz
Im November 2024 veröffentlichte Linda Weißgerber ihr Buch „Arbeiterfrauen“. Darin schreibt sie: „Aber wir dürfen diese schöne Erde doch nicht den großen zerstörerischen Kräften überlassen. Erst recht dürfen wir uns nicht lähmen lassen von Sorgen oder gar Ohnmachtsgefühlen.“13 Diese Sätze hat Linda Weißgerber mit Leben und Taten gefüllt.
Text: Eva Waldschütz, 27.6.2026
Verortung im Stadtplan:
Frauenverband Courage, Holsteiner Str. 28, Elberfeld
Quellen:
1 Linda Weißgerber: Arbeiterfrauen, Engagiert im Alltag, Couragiert im Gegenwind, Von Alltagsgeschichten bis Zukunftsvisionen, Verlag Neuer Weg, November 2024, S. 104
2 Ebenda, S. 108
3 Ebenda, S.10
4 Ebenda, S.32
5 Der Verband – Frauenverband Courage e.V. (Stand 27.6.2026)
6 Linda Weißgerber: Arbeiterfrauen, S. 78
7 Ebenda, S.122-131
8 Ebenda, S. 144-147
9 Ebenda, S. 139-140
10 Ebenda, S. 87 -89
11 Ebenda, S. 94
12 Ebenda, S. 120
13 Ebenda, S. 219






















